Marktbericht 2021

Rückblick Q3 2021

Der deutsche Aktienmarkt konnte sich kurstechnisch nicht weiter nach oben absetzen und rangierte Ende September leicht unter dem Niveau des Vorquartals, dafür hat der zähe Wahlkampf bei hoher politischer Unsicherheit mit der Bundestagswahl ein Ende gefunden. Eine RRG-Regierung ist rechnerisch unmöglich und damit die größte politische Sorge der deutschen Wirtschaft. Da eine Wiederholung einer großen Koalition kaum vorstellbar scheint, ist die FDP mit Sicherheit Teil der neuen Regierung.

Für die SPD und die Grünen scheinen Themen wie Vermögenssteuer und Abschaffung der Abgeltungssteuer in einer Koalition mit der FDP kaum umsetzbar. Diese Faktoren wären besonders für Privatanleger die wichtigsten direkten negativen Effekte einer rot-rot-grünen Regierung gewesen.

Somit sollte mit der FDP die Stimme der ökonomischen Vernunft in der neuen Regierung gegeben sein. Sollte sich doch noch eine Jamaika-Koalition bilden, wären sogar Entlastungen auf der Kapitalseite (Stichwort: Aktienrente und Spekulationsfrist) für Privatanleger denkbar. Trotzdem müssen noch Wochen an Koalitionsverhandlungen ins Land gehen, bevor man genauere Aussagen über die zukünftige politische Ausrichtung geben kann.

Als große Unbekannte wurde in unserem letzten Börsenbericht die Inflation betrachtet. In den USA konnte sich die Inflation zuletzt bei 5,3% gegenüber dem Vorjahr halten, für Deutschland und die Eurozone lag die Inflation im August bei 3,9% bzw. 3,0%. Die Inflationsraten sind natürlich erheblich durch Basiseffekte beeinflusst, da bspw. der Ölpreis im August 2020 auf einem extrem niedrigen Niveau von rund 40 US-Dollar lag und aktuell bei 75 US-Dollar notiert.

Die entscheidende jährliche Inflationsrate für das Gesamtjahr 2021 wird entsprechend deutlich niedriger liegen, aber höher als von den Zentralbanken noch im letzten Quartal erwartet. Die EZB erwartet seit ihrer letzten Sitzung im September eine Inflationsrate von 2,2% für 2021, 1,7% in 2022 und 1,5% in 2023. Im Juni ging die EZB noch von 1,9% für 2021, 1,9% in 2022 und 1,4% in 2023 aus.

Damit ist der Ausblick der EZB allein für dieses Jahr innerhalb von nur drei Monaten um 0,3% gestiegen.
Weitere Korrekturen sind nicht auszuschließen und damit ungemütlich für die EZB, die die Inflation tunlichst als vorübergehendes Ereignis ad acta legen will. Als Signal für die Märkte reduziert sie zumindest das Tempo der Anleihenkäufe ab dem vierten Quartal.

Auch die amerikanische Notenbank hat auf die neuere Entwicklung reagiert und bereitet die geldpolitische Wende vor. Die FED hat eine Reduzierung der Anleihenkäufe ins Gespräch gebracht, mit deren Ankündigung der Markt aktuell im November und einem Start im Dezember rechnet. Außerdem wurde eine mögliche Zinserhöhung im kommenden Jahr in Aussicht gestellt. Damit wurde bislang erst im Jahr 2023 gerechnet. Die FED ist damit in der Geldpolitik mal wieder früher dran als die EZB, die das Wort „Zinserhöhungen“ sehr ungern diskutiert.

Klar ist aber, dass sich auch die EZB bei einer Verfestigung der Inflation diesem Thema widmen muss. Denn die Folgen anhaltender Niedrigzinsen zeigen sich am Beispiel des Immobilienmarkts mittlerweile europaweit. Politische Unruhe könnte zudem aus einer europäischen Energiekrise erwachsen.
Der Großhandelspreis von Erdgas hat sich seit Jahresanfang um +440% erhöht, der in London notierte Erdgasfuture nahm eine ähnliche Entwicklung (siehe Chart 2).

Dabei beginnt die kalte Jahreszeit in Europa erst und in der EU-Kommission wächst daher die Sorge, dass der Preisschock den europäischen Green Deal gefährdet. Die neue deutsche Regierung wird sich diesem Thema widmen müssen, denn nach Plan steigt der gesetzliche CO2 Preis Anfang nächsten Jahres auf die nächste Stufe von 30 EUR pro Tonne (aktuell 25 €/t) und sorgt damit für zusätzlichen Preisdruck.

Für Investoren in China war das abgelaufene Quartal äußerst nervenaufreibend. Anfangs schockte die chinesische Führung die Kapitalmärkte mit strengster Regulierung des privaten Bildungssektors, wodurch dieser Sektor quasi über Nacht komplett eingestampft wurde. Hatten die börsennotierten Bildungsunternehmen bereits über die Monate zuvor an der Börse gelitten, löste diese Nachricht einen Absturz von über 50% am selben Tag aus. Seit dem Höchststand wurden damit über 100 Milliarden Dollar an Börsenwert vernichtet.

Auch die Technologieunternehmen standen wegen staatlicher Regulierung deutlich unter Druck. Alibaba und Tencent müssen aus wettbewerbstechnischen Gründen ihre Online-Plattformen für externe Anbieter öffnen und sich deutlich schärferer Regulierung bei ihren Fintech Töchtern aussetzen. Die Unsicherheit über die zukünftige Gangart aus Peking und das Schicksal des Bildungssektors sorgte für einen wahren Ausverkauf des gesamten chinesischen Aktienmarkts und wird diesen bis auf weiteres belasten.

Chinas Staatschef Xi Jinping verkündete „Common Prosperity“ (Gemeinsamer Wohlstand) als neue Staatsparole. Damit einher gehen die Regulierung übermäßig hoher Einkommen und der Aufruf an vermögende Personen und Unternehmen mehr an die Gesellschaft zurückzugeben. Der Führung der Partei soll bei diesem langfristigen Ziel unbedingt Folge geleistet werden. Seitdem überbieten sich die chinesischen Konzerne in der Ankündigung „freiwilliger“ Spenden. Alibaba und Tencent sagten zuletzt 13 Milliarden bzw. 6,5 Milliarden Euro zu. Die neue Regulierungshärte ist nicht von kurzer Dauer, sondern wird zur neuen politischen Realität. Die kommunistische Partei will den exzessiven Vermögenszuwachs bei Unternehmen und ihren Inhabern bremsen, um ihre alleinige politische Führungsrolle zu unterstreichen.

Im September erregte der mit 300 Milliarden USD hoch verschuldete Immobilienkonzern Evergrande Aufsehen. Der Konzern hat Liquiditätsschwierigkeiten und läuft Gefahr seine Schuldner nicht bedienen zu können. Die chinesische Führung ist sich bei der Lösung des Problems noch nicht einig, dabei machen der Immobilienmarkt und seine nachgelagerten Sektoren laut Schätzungen rund 30% der nationalen Wirtschaftsleistung aus. In jedem Fall wird das chinesische Wachstum beeinträchtigt, weshalb Ökonomen ihre Prognosen für China bereits reduziert haben auf rund 7,8% für das Gesamtjahr.

Ausblick

Nach fünf positiven Quartalen folgte mit dem dritten Quartal 2021 ein Trendbruch. Nach Auffassung des Bankhauses handelt es sich hier aber um keine mittel- oder gar langfristige Trendumkehr. Ein Kursanstieg über fünf Quartale hinweg ist historisch tatsächlich überdurchschnittlich. Zum ersten Mal seit der Finanzkrise 2008 könnten sich aber wichtige grundlegende Faktoren für die nächsten Jahre ändern.

Jahrelang haben die Zentralbanken erfolglos versucht die Inflation zu erhöhen, um ihre Inflationsziele zu erreichen. Dabei erweckte die Strategie der Geldpolitik eher Zweifel beim Erreichen dieses Ziels. Durch die Folgen der Pandemie stehen die Zentralbanken vor dem Problem, dass ihr Wunsch schneller und stärker in Erfüllung geht als erwartet. In vielen Märkten herrscht eine starke Inflationsdynamik, welche die Preise nach oben treibt. Schlussendlich müssen die Notenbanken auf diese Entwicklung reagieren, wenn sich diese als nachhaltig erweist. Perspektivisch bedeutet das bei Inflationsdruck höhere Zinsen.

Diese Entwicklung wäre für die Kapitalmärkte keineswegs negativ. Die erwarteten Aktienrenditen wären im Vergleich zu den letzten 10 Jahren durch den Zinsanstieg zwar etwas niedriger, aber weiter attraktiv. Unternehmen und Staaten werden den Investoren bei der Schuldenaufnahme eine höhere Risikoprämie bieten müssen, wodurch Anleihen wieder mehr laufende Erträge generieren und damit eine bessere Diversifikation des Portfolios ermöglichen. Die Zentralbanken werden die Anpassungen ihrer Geldpolitik in jedem Fall sehr gründlich kommunizieren und zeitlich derart gestalten, um die Märkte nicht zu beunruhigen und das Vertrauen zu bewahren.

Für die zukünftige Aktienstrategie ergeben sich dadurch grundlegende Änderungen. Bei einer Inflationsrotation gewinnen klassisch Sektoren wie Energie und Banken hinzu, während Technologieaktien aufgrund ihrer hohen Bewertung eher leiden. Nach Jahren der Tech-Rallye werden sich somit auch in diesem Sektor die Renditen auf niedrigerem Niveau normalisieren.

Das Bankhaus ist auch weiterhin von wachstumsstarken Qualitätsunternehmen überzeugt, behält aber gleichzeitig die gesunde Mischung der Portfolien im Auge. Durch einen Zinsanstieg wird die Rückkehr der Value-Aktien ermöglicht und der Aktienmarkt wäre wieder breiter aufgestellt. Der Großteil der Indexrenditen basierte in den letzten Jahren auf einigen wenigen großen Unternehmen, was zu immer stärkerer Konzentration geführt hat. Für renditeorientierte Anleger wurde ein Investment in diese Titel quasi alternativlos, wodurch die Kurse weiter befeuert wurden und andere Sektoren trotz operativen Wachstums nicht mithalten konnten. Vor dem Hintergrund der Inflationsgefahren ist es für uns zudem wichtig in Unternehmen mit Preissetzungsmacht und entsprechend hohen und stabilen Margen zu investieren.

Das Bankhaus erwartet weiterhin ein deutlich positives Jahresergebnis, auch wenn sich die Aussichten für das vierte Quartal etwas eingetrübt haben. Haupttreiber bleiben Inflation und Zinsen, welche vom Markt mit Argusaugen verfolgt werden. Die globale Wirtschaft ist auf dem Wachstumspfad und wird durch die fortschreitenden Impfungen in den Entwicklungsländern auch ökonomisch auf ein breiteres Fundament gestellt.

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