Marktbericht 2022

Rückblick H1 2022

Im Anschluss an den Kursrutsch durch die russische Invasion und die folgende Markterholung, konnte das zweite Quartal dieses Niveau nicht halten. Nachdem sich die Kurse zwischen Mitte Mai und Anfang Juni deutlich nach oben orientierten, wischten die US-Inflationsdaten den Optimismus der Anleger mit einem Schlag beiseite. Die US-Inflation legte im Mai auf 8,6 % zu, nachdem sie im Monat zuvor noch auf 8,3 % gesunken war. Damit erhöhte sich der Druck auf die amerikanische Notenbank massiv und die Börse preiste stärkere Zinserhöhungen ein. Die FED reagierte mit einer Zinserhöhung in Höhe von 0,75 % statt 0,5 % auf das Zinsband 1,50-1,75 %.

Die wichtigsten Aktienindizes fielen allesamt in den Bärenmarkt, welcher allgemein als Kursrückgang von mehr als 20% definiert ist. Ein Blick in die jüngere Historie des DAX zeigt, dass das nicht gerade selten vorkommt: zuletzt 2020, 2018, 2015, 2011 und selbstverständlich in der Finanzkrise 2008. In den USA erlebte der S&P 500 seit 1950 elf Bärenmärkte, die allerdings im Anschluss positive Renditen generierten: im Durchschnitt auf sechs Monate +7 % und auf 12 Monate +15 %. Dabei wurde der Tiefpunkt durchschnittlich bereits 1-2 Monate nach dem Eintritt in den Bärenmarkt erreicht. Für die Anlegerpsychologie gilt also: bei Eintritt in den Bärenmarkt ist gleichzeitig das Schlimmste bereits überstanden. Anleihen konnten bis dato keine Absicherung der Portfolien bieten, denn die Zinswende führte zu deutlichen Kursverlusten. Der globale Benchmarkindex für Investment Grade Anleihen lag zum Ende des zweiten Quartals bei -14 % Verlust.

Nicht nur jenseits des Atlantiks forderte die neuere Entwicklung eine Umkehr in der Geldpolitik, auch die EZB musste notgedrungen und eher widerwillig reagieren. Die EZB beendet ihre Anleihenkäufe zum 1. Juli und hebt nach aktuellem Plan am 21. Juli die Zinsen um 0,25 % an. Das wäre die erste Leitzinserhöhung im Euroraum seit 11 Jahren. Dies verdeutlicht, wie extrem lang

die Niedrig- bzw. Nullzinsphase im Euro anhielt. Die EZB muss sich Vorwürfe gefallen lassen, ob sie nicht zu lange zu locker in ihrer Geldpolitik war. Auch während der Coronapandemie haben die Notenbanken die Geldschleusen weiter geöffnet als je zuvor, obwohl die wirtschaftlichen

Probleme rein angebotsgetrieben waren und die Inflation nur dank extrem niedriger Energiepreise entsprechend gering war. Verschiedene Marktbeobachter forderten deshalb schon 2021 die Wende in der Geldpolitik, da die Inflationsraten im Laufe des Jahres aufgrund steigender Energiepreise bereits deutlich über die Zielmarke von 2 % stiegen (siehe Chart 2).

Als Ergebnis dieser zinspolitischen Zurückhaltung seitens der EZB, fiel der Euro auf Tiefstwerte um 1,04 EUR/USD, die zum letzten Mal während der Eurokrise 2015 und 2016 gesehen wurden. Damit hat die EZB die Inflation selbst stark erhöht, da Energieimporte wie Öl in USD gehandelt und bezahlt werden. Den Unterschied merken die Verbraucher an der Zapfsäule, denn trotz eines heutigen Rohölpreises auf dem Niveau von 2007/2008, liegt der Kraftstoffpreis an der Tankstelle deutlich höher als damals. Wurden im Jahr 2008 durchschnittlich 1,39 EUR für den Liter Superbenzin fällig, sind es 2022 durchschnittlich 1,92 EUR pro Liter. Selbst nach Abzug der heute existierenden CO2 Steuer (rund 7,3 Cent pro Liter) eine enorme Differenz und gleichzeitig signifikante volkswirtschaftliche Belastung. Der plötzliche Preisanstieg führte speziell im Logistikbereich zu Protesten, da die Preise vertraglich auf Monate fixiert sind und die laufenden Betriebskosten explodierten. Die EZB muss angesichts des Inflationsausbruchs reagieren, weshalb die Geldmärkte mittlerweile Zinserhöhungen von rund 2 % bis Juni 2023 einpreisen.

Ausblick

Entscheidend für die weitere Volatilität der Kapitalmärkte ist das Überschreiten des Inflationshöhepunkts und die konjunkturelle Dynamik. Nachdem die Verbraucher-Kerninflationsrate für in den USA in den letzten Monaten drei Mal in Folge von 5,3 % auf 4,7 % gefallen ist (die Gesamtinflation wie erwähnt leider nicht), zeichnet sich der Inflationsgipfel im Sommer ab. Die US-Notenbank sieht die Kerninflation als wichtigsten Indikator für den Preisdruck an und leitet daraus mögliche Zweitrundeneffekte ab. Kühlt die Inflation im zweiten Halbjahr ab, wird der Handlungsdruck auf die FED geringer und die Märkte müssen keine noch stärkeren Zinserhöhungen mehr fürchten.

Die größte Unsicherheit, neben der Inflation, besteht bei der konjunkturellen Entwicklung. Die Wachstumsraten für die Volkswirtschaften wurden allseits massiv gekürzt, was Fragezeichen bezüglich einer drohenden Rezession aufwirft. Aktuell sehen die Prognosen für das Jahr 2022 ein leicht positives Wachstum vor, während 2023 quasi noch völlig unsicher ist. Zu volatil sind die Konjunkturfaktoren und externen Einflüsse, sodass Prognosen ins nächste Jahr kaum möglich sind.

Für Deutschland ist das wichtigste wirtschaftliche Thema die Erdgaslieferungen aus Russland. Am 11. Juli startet die routinemäßige Wartung von Nord Stream 1, welche bis zum 21. Juli andauert. Nach dem Ende der Wartungsarbeiten wird sich herausstellen wieviel Gas Russland noch bereit ist zu liefern und auf was sich die Industrie und Verbraucher in Deutschland im Winter einstellen müssen. Ein vollständiger Gaslieferstopp hätte in jedem Fall schwerste wirtschaftliche Verwerfungen zur Folge. Die Schätzungen reichen von - 6 bis - 12 % der Wirtschaftsleistung und unbeheizten Wohnungen in der kalten Jahreszeit.

Die Bundesregierung muss sich fragen, ob dieser Wirtschaftskrieg mit Sanktionen und Gegen-sanktionen durchhaltbar ist, ohne den gesellschaftlichen Frieden zu gefährden. Letzte offizielle Statements von Gazprom besagen eine vollständige Wiederaufnahme der Gaslieferungen nach Wartungsende, trotzdem ist ein Gaslieferstopp als politisches Druckmittel leider realistisch. Inmitten dieser Energiekrise zeigt sich mal wieder der große Vorteil der Vereinigten Staaten. Die USA sind hinsichtlich ihres Energiebedarfs autark, sie besitzen und fördern genug Öl und Erdgas für den Eigenbedarf. Zwar sind auch dort die Kraftstoffpreise stark gestiegen mit entsprechendem Effekt auf die Inflation, aber ein Mangel an Öl oder Gas droht keineswegs.

Die Aktienmärkte haben das Risiko einer Rezession bereits teilweise eingepreist und die Inflation als Hauptthema in den Hintergrund gedrängt. Für Investoren werden Dividendenaktien umso wichtiger, da sie einen zusätzlichen Risikopuffer bieten. Konjunkturzyklen gehören zum Börsengeschäft und sollten langfristige Anleger nicht irritieren. Der Index Wilshire 5000, welcher alle rund 3.600 börsennotierten US-Unternehmen umfasst und damit die Performance des gesamten US-Aktienmarkts abbildet, generierte seit 1970 - somit inklusive der Inflationsära der 70er - rund 6,7 % Realrendite pro Jahr, also nach Abzug der Inflation. Dies verdeutlicht die Bedeutung von Aktienanlagen als Sachwert und damit Inflationsschutz für den Anleger.

Im Rentenbereich bringt die Zinswende positive und negative Begleiterscheinungen mit sich. Durch das steigende Zinsniveau verlieren die Anleihen an Kurswert, was kurzfristig auf die Rendite drückt. Werden die Anleihen bis zur Endfälligkeit gehalten, haben die Kursverluste keine Relevanz, da die Anleihen zu pari zurückbezahlt werden. Die Vorteile der restriktiven Geldpolitik überwiegen für Anleiheinvestoren bei Weitem die Nachteile. Die Anleihenmärkte preisen den Zinsanstieg sehr früh ein, was wie in diesem Jahr zu den starken Bewegungen in den Kursen führte. Lag das Zinsniveau für Investment Grade Anleihen (Staats- und Unternehmensanleihen) in der Eurozone zu Beginn des Jahres noch bei rund 0,2%, stieg es in den folgenden Monaten auf 2,51% in der Spitze. Wirft man einen Blick auf Anleihen mit weniger kreditwürdigem Rating, die sogenannten High Yields, stieg das Zinsniveau von 3,46% auf über 8% in der Eurozone. Das ist ein sehr deutlicher Anstieg der Risikoprämien und verdeutlicht die veränderten Anlagebedingungen. Selbst Anleihen mit Top-Bonität werfen wieder nennenswerte Zinsen ab, die auch deutlich über der mittelfristigen Inflation liegen sollten. Für Anleger auf der Suche nach planbaren und stabilen Cash Flows sind das eindeutig gute Nachrichten.

 

Strategie

 Aufgrund der Volatilität haben wir im zweiten Quartal vermehrt Liquidität auf der Aktienseite aufgebaut, um einen zusätzlichen Risikopuffer zu schaffen und bei positiven Marktsignalen gezielt zukaufen zu können. Aufseiten der Renten sind wir bereits opportunistischer und investieren frisches Kapital und fällige Anleihen zu einem sehr attraktiven Zinsniveau.

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