Marktbericht 2022

Rückblick Q1 2022

Vor zwei Jahren bescherte das erste Quartal die Coronapandemie, in diesem Jahr kehrte der Krieg zurück auf den europäischen Kontinent. Seit dem Angriff auf die Ukraine am 24. Februar liegt der Fokus der Kapitalmärkte auf dem Kriegsgeschehen. Infolge der Invasion gaben die Märkte in den Tagen danach deutlich nach, was beim DAX am Tiefpunkt einem Minus von 22% gegenüber dem Stand zu Jahresbeginn entsprach. Nach dem kurzzeitigen Schock („Sell first, ask second“) konnten sich die Kurse aber stabilisieren und deutlich erholen.

Nicht zuletzt lag das an der Erkenntnis, dass sich die NATO nicht in den Krieg hineinziehen lässt und auf die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit des Bündnisses fokussiert. Die Ereignisse führten selbst bei der eher pazifistisch geprägten Bundesregierung zu einer politischen Wende und zur Ankündigung einer deutlichen Erhöhung des Wehretats. Die Zeiten der deutschen Friedensdividende seit dem Ende des Kalten Kriegs sind damit erstmal vorbei.

Auftretende Sorgen über einen sofortigen Lieferstopp von Energieträgern wie Erdgas, mitten im europäischen Winter, bewahrheiteten sich nicht. In der Tat hätte dies einen kaum verdaubaren Schock für die deutsche Volkswirtschaft bedeutet, da Deutschland knapp die Hälfte seines Erdgasbedarfs aus Russland deckt. Ein Gasembargo würde nicht nur kalte Wohnungen bedeuten, sondern die Agrarwirtschaft (und damit die Nahrungsversorgung) ins Chaos und die Industrieproduktion ins Bodenlose stürzen lassen und eine Massenarbeitslosigkeit auslösen. Zuerst muss der Energiebedarf Deutschlands aus alternativen Quellen gesichert werden, bevor die Abhängigkeit von Russland reduziert wird. Diese Mammutaufgabe ist allerdings nicht kurzfristig lösbar und wird nach optimistischen Schätzungen noch Jahre in Anspruch nehmen, da bspw. die Errichtung von Flüssiggasterminals mit entsprechender Infrastruktur nötig ist.

Die größte ökonomische Konsequenz des Krieges ist schon absehbar: die Inflation wird massiv steigen. Die Inflationshöhe im Jahresverlauf ist noch abhängig von den weiteren geopolitischen Entwicklungen, aber sie wird deutlich über den Prognosen des Jahresbeginns liegen. Die hohen Energie- und Rohstoffpreise erhöhen die Kosten der Unternehmer und der Verbraucher, wodurch die Konjunktur deutlich gehemmt wird. Eine Stagflation zeichnet sich aktuell nicht ab, bleibt aber bei einer weiteren Eskalation möglich. Die Konjunkturprognosen für das Gesamtjahr wurden teils um die Hälfte reduziert und liegen für Deutschland zwischen 2-3% Wirtschaftswachstum. Das ist deutlich weniger als noch vor wenigen Wochen erwartet, aber auch noch weit weg von einer konjunkturellen Stagnation.  

Die Inflationswelle erzeugt immensen Handlungsdruck bei den Notenbanken, allen voran bei der EZB. Die EZB wurde in unseren letzten Börsenberichten bereits oft für ihre Langsamkeit und Starrheit kritisiert. Die Quittung dafür ist ein sehr schwacher Euro zum unpassendsten Zeitpunkt, der das Inflationsproblem weiter verschärft. Der sinkende Eurokurs verteuert jeden Energie- und Rohstoffimport in den gemeinsamen Währungsraum und nötigt die EZB damit endgültig zu einer Wende in der Geldpolitik zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt.

Die Zinsen auf Staatsanleihen des Euroraums haben signifikant zugelegt und die Geldmärkte deuten bereits auf mehrmalige Leitzinsanhebungen im laufenden Jahr. Die EZB darf als oberste Hüterin der Geldwertstabilität ihre Glaubwürdigkeit nicht vollends aufs Spiel setzen und sollte bspw. die Strafzinsen schnellstmöglich abschaffen. Immerhin liegen die Inflationsraten mit fast 8% gegenüber dem Vorjahr auf einem 40-Jahreshoch.

Die amerikanische Notenbank hat den Leitzins bereits Mitte März um 0,25% erhöht. Teils wurden vom Markt gar Zinsschritte von 0,5% eingepreist. Durch den Ukrainekrieg sah sich aber auch die FED gezwungen nicht zu einseitig auf die Inflation zu schielen, sondern auch eine schwächelnde Konjunktur im Auge zu behalten. Bei der letzten Sitzung hat die FED die Märkte bereits auf sechs weitere Zinsanhebungen in diesem Jahr eingestimmt, womit der US-Leitzins am Jahresende in der Spanne von 1,75-2% läge. Die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihen liegt mittlerweile deutlich

über 2% und wird voraussichtlich die 3%-Marke im laufenden Jahr erreichen. Mit der FED ist bei der konsequenten Inflationsbekämpfung in jedem Fall zu rechnen.

 

Ausblick

Für den Anleger hat sich das Gesamtbild eingetrübt und die Renditeperspektive deutlich verkleinert. Wichtigstes Ziel ist der Kapitalerhalt mit der Aussicht auf leicht positive Rendite. Die hohe Inflation führt in den USA zu einem Umdenken in der Geldpolitik, wodurch der Markt weniger stark mit Liquidität unterstützt wird. Die US-Aktien müssen somit wieder mehr auf fundamentales Wachstum vertrauen. Die Zinsen im Euroraum werden durch die Zinspolitik jenseits des Atlantiks ebenso steigen. Wie weit, ist eine Frage der zukünftigen EZB-Geldpolitik. 

Gleichzeitig sorgen die Inflationsraten für eine Umschichtung von Anleihen in Aktienanlagen, um besser vor Inflation und Zinserhöhungen geschützt zu sein. Das sollte den Aktienmärkten eine Hilfe sein. Solange der Ukrainekrieg nicht eskaliert, bleibt das Wirtschaftswachstum im positiven Bereich und unterstützt damit die Unternehmenskonjunktur. Dennoch sorgen speziell in der Industrie die gestiegenen Rohstoffpreise für operative Probleme. Energie- und rohstoffintensive Unternehmen mit geringer Preissetzungsmacht werden Gewinnwarnungen erleiden. Weniger betroffen sind Unternehmen aus der Pharma-, Luxus-, IT-, und Energiebranche. Der Anlagefokus des Bankhauses liegt unter den aktuellen Vorzeichen somit vorwiegend in diesen Branchen, da diese einen inhärenten Inflationsschutz bieten. Auch stabile Dividendentitel kommen durch die steigenden Zinsen wieder mehr in Mode.

Bei den Anleihen allokiert das Bankhaus vorzugsweise in kurze Laufzeiten, um das Zinsrisiko zu begrenzen. Gleichzeitig werden sich mittelfristig bei einem Abkühlen der Inflation lohnende Investitionsmöglichkeiten durch das höhere Zinsniveau ergeben.

Die Dynamik der Geopolitik beeinflusst den Kapitalmarkt dieses Jahr in höchstem Maße. Deswegen ist weiterhin mit hoher Volatilität an den Märkten zu rechnen. Ein monate- oder jahrelanger Ukrainekrieg, ein Staatsstreich in Russland, eine demoralisierte russische Armee auf dem Rückzug, all diese und weitere Szenarien sind möglich und vorstellbar und würden eine direkte Marktreaktion hervorrufen. Deshalb bleibt das Bankhaus bei der Allokation weiter vorsichtig opportunistisch und hofft auf eine baldige Lösung des Konflikts.

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